Sir Simon Rattle inspiriert

2002 hatte ich das Glück dem Einführungskonzert von Sir Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern beizuwohnen. Unmittelbar vor Konzertbeginn schenkte mir im Foyer ein Mitarbeiter eine Stehplatzkarte, der mich noch mit meinem Schildchen „Suche Karte“ sah. Es war ein musikalisches Erlebnis. Vor allem Malers 5. Symphonie.

Am vergangenen Sonntag verabschiedete sich Rattle als Dirigent der Berliner Philharmoniker in der Waldbühne, ein Konzert im Regen. Ich konnte es leider nur im RBB Fernsehen verfolgen. Die musikalische Vielfalt hat großen Spaß gemacht. Vor allem zeigte das Konzert noch mal so deutlich, warum Sir Simon inspiriert. Er will Menschen für hochklassige Musik begeistern, bricht dafür gerne mit Konventionen, gibt aber nie den künstlerischen Anspruch auf. Er will alle Menschen aller Milieus erreichen. Dafür geht er auf die Menschen zu. Mit seinen Education-Projekten ging er in Berliner Problembezirke und spielte Konzerte an Orten, an denen Berliner Philharmoniker vor Rattle nie aufgetreten wären. Damit schaffte er es Menschen in ihrem Umfeld abzuholen und dann in die Philharmonie oder die Waldbühne einzuladen.

Simon Rattle schaffte es Menschen für Orchestermusik zu begeistern, die sich dieser bis dahin sehr fern fühlten. Dass zu diesem Unterfangen mehr gehört, als nur die Spielstätten mit Hilfe von kleinen Preisen für alle Klassen zu öffnen, zeigen die Versuche in der frühen DDR. Damals frustrierte die Kulturpolitiker, dass die Arbeiter trotz geringer Eintrittskosten kaum für Sinfoniekonzerte und Oper zu begeistern waren und lieber nach West-Berlin zu Swing-Konzerten fuhren oder sich bei AFN Blues und Country Musik anhörten.

Rattle schaffte es Menschen für Orchestermusik zu begeistern, aber auch sein Orchester für vielfältige Musikstile öffnen und einen unbefangeneren Umgang mit beispielsweise Jugendlichen zu lernen. Dies gelang Rattle auch, weil er es ausgezeichnet versteht, Konzepte runter zu brechen und verständlich zu machen, so stellen es zumindest viele der Orchestermitglieder in verschiedenen Dokumentationen dar. Außerdem ist er ein im besten Sinne politisch denkender Mensch, der sich gesellschaftlich engagiert und sein Umfeld selber zu gesellschaftlichem Engagement motivierte und in gewissem Sinn qualifizierte.

Mit seinem Wirken inspirierte mich Simon Rattle für meine Arbeit mit Jugendlichen und Fachkräften: Angebote der Internationalen Jugendarbeit wurden lange nur von einer kleinen gut gebildeten Gruppe angenommen. Studien und die Erfahrung zeigen allerdings, dass die Teilnahme an internationalen Mobilitätsmaßnahmen sich auf die Biographien Jugendlicher aller Milieus sehr positiv auswirkt.

Ähnlich wie bei den von Rattle angestoßenen Projekten lassen sich Jugendliche, die bisher kaum an Maßnahmen der internationalen Jugendarbeit teilnahmen, für ein Feld begeistern, das ihnen bisher eher fern war. Dafür muss man sie an Orte abholen, an denen sie sich aufhalten, Vertrauen aufbauen, sie ernst nehmen, zutrauen vermitteln, Begeisterung für die Projekte vermitteln und am besten die potentiellen Teilnehmenden noch in deren Konzeption einbeziehen. Außerdem hilft eine Öffnung für Themen und Methoden.

Sir Simon verabschiedete sich mit einem Kommentar zum Brexit vom Publikum in der Waldbühne, ließ sein Orchester spielen und zeigte demütig, dass sie es auch ohne ihn können, kehrte wenig später noch mal mit einem Glas Bier auf die Bühne zurück und verabschiedete sich persönlich von seinen spielenden Musikern. Hier zeigte sich noch mal seine Menschlichkeit, Leichtigkeit, bei gleichzeitig großem Anspruch an die Qualität der Arbeit sowie seine politische Positionierung und Haltung. In dieser Hinsicht ist er mir ein Vorbild. Zugegeben, schwer zu erreichen, aber das ist ja ein zentrales Merkmal von Vorbildern.

Den Neustart meines Blogs möchte ich nutzen, um Themen zu reflektieren, die mich gerade in meinen verschiedenen Arbeitskontexten beschäftigen. Dafür habe ich mir vorgenommen in loser Folge Projekte vorzustellen, Publikationen zu rezensieren, (virtuelle) Orte vorzustellen an denen Informationen zur Verfügung gestellt werden.

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