Corona Diary #12

Das Wetter ist weiterhin sonnig und frühlingshaft. Der Regen fehlt. Es ist trocken wie im Sommer. Der Klima-Wandel macht sich wohl weiter bemerkbar. Aber er kommt schleichend, da muss man nicht solchen Aktionismus walten lassen, wie bei Corona, wobei perspektivisch die Todeszahlen ausgelöst durch den Klimawandel sicherlich deutlich höher sein werden als jetzt. Langsam wächst der Zynismus. Auch wenn man bedenkt, wie viele Menschen, in den letzten Jahren im Mittelmeer ertrunken sind und wie wenig dagegen getan wurde. Auch wenn es jetzt immer wieder behauptet wird, es sind nicht alle Menschenleben gleich viel wert.

Auch die Frage, wie viel ein Leben in sozialer Isolation für die jeweiligen Menschen wert ist, muss deutlich lauter gestellt werden.

Was/Wer hat mich heute erfreut?

Die Johannespassion aus der Thomaskirche in Leipzig. Zugleich wird die Frage, wann wir endlich wieder in Gruppen Musik machen können, umso präsenter und schmerzhafter.

Corona Diary #11

Die Sonne scheint weiter ohne unterlass. Die Klarheit ist schön, aber die Trockenheit der Böden macht Sorge.

Heute berührt mich die Nachricht von Boris Johnson, der auf die Intensivstation verlegt wurde. Es ist erschütternd, dass C-19 auch so jemand treffen kann und es berührt mich. Politisch halte ich ihn wirklich für ein A…. Aber als Mensch ist er mir, Newsjunki, der ich bin, gerade durch seine Präsenz in der Brexitphase auf eine komische Weise nahe kommen. Ich wünsche ihm aufrichtig, dass er wieder gesund wird.

Höchst frustrierend finde ich auch: Wie wenig europäische Solidarität gelebt wird; das Rückfallen auf die Nationalstaaten, die geschlossenen Grenzen im Shengen-Raum, die Selbstgerechtigkeit Deutschlands, die mangelnde Empathie für Italien und Spanien aber auch die anderen europäischen Länder. Kind ist langsam genervt.

wer/was hat mich heute erfreut?

Ein super Redationstreffen auf whereby mit inspirierenden Kolleginnen. Wir schaffen das Buch.

corona diary #10

Die Sonne scheint, aber es ist kalt. Die Laune ist ok. Heute habe ich offiziell, wieder gearbeitet. Aber vom Homeoffice fühlt es sich auch nicht so anders an, als in den vergangenen Tagen. Die täglichen Spaziergänge sind eine schöne Gewohnheit geworden.

In den letzten Tagen kam ich nicht zum Schreiben. Es waren ein paar neue Episoden der 7. Staffel von SUITS auf netflix freigeschaltet worden. Die musste ich schauen. Außerdem hatte ich noch andere abendliche Kommunikation gepflegt.

Nach der Zeitumstellung lag ich eines Tages morgens wach, deutlich bevor es Zeit war aufzustehen. Ich fragte mich, was macht man, was mache ich, wenn Corona meine Eltern, die nicht hier wohnen, erwischen sollte? Kann ich dann hinfahren? Sie sind Risikogruppe. Wann darf man als nicht Infizierte*r die Wohnräume von Infizierten betreten? Welche Vorsichtsmaßnahmen muss man treffen, wenn man beispielsweise die Dokumente von infizierten Angehörigen, die nicht im gleichen Haushalt leben, zusammensuchen muss. Wer begleitet Infizierte gegebenenfalls ins Krankenhaus.

Wie findet mit dem Menschen im Krankenhaus noch Kommunikation statt? Luft und Liebe braucht Mensch zum Leben heißt es immer so schön. Zuwendung ist für den Genesungsprozess auch äußerst wichtig. In unserem Krankenhaussystem können diese Pfleger*innen und Ärzt*innen nicht leisten. Wie kann bei allem gebotenen Infektionsschutz vielleicht über Video-Calls oder doch auch persönliche Anwesenheit Kommunikation mit nahestehenden Menschen sichergestellt werden. „Jeder vermisst seine Freunde, wenn er stirbt.“ schrieb Bronnie Ware. Viele Menschen fürchten sich alleine sterben zu müssen.

Für Menschen, die im Kopf noch recht fit sind, lässt sich vielleicht Begleitung über Video Calls organisieren. Aber auf der Intensiv-Station können Patienten vermutlich auch nicht einfach ihr Handy bedienen. Was passiert mit Menschen, die schon leicht dement sind?

Ließen sich in Kliniken Sterberäume einrichten, in denen sich Angehörige bzw. Nahestehende verabschieden können. Klar hätte dies Härten. Aber auch die italienischen Ärzte berichten, dass für sie mit das Frustrierendste war, zu ertragen, dass die Menschen alleine sterben müssen.

Insofern sollten möglichst bald aus menschlichen Gründen, Wege gefunden werden, wie das Besucherverbot in Krankenhäusern und Altenheimen aufgehoben werden kann. Denn schlimmer als sterben ist einsam sterben.

Wer/was hat mich heute erfreut?

Der digitale Morgenkreis aus dem Kindergarten meines Sohns.

Corona diary #9

Spaziergang im Friedenspark. Das Frühlingswetter ist beeindruckend. Wir halten Abstand. Es war dennoch toll auf der Straße mit 2m Abstand einem Papa aus der Tagesmuttergruppe zu begegnen und einige Minuten ohne vorbeifahrende Autos sich austauschen zu können. Weniger Autos auf den Straßen ist wirklich ein mehr an Lebensqualität.

Bewegt haben mich heute zum einen die Zahlen zum anderen aber der Bericht der Krankenschwester aus Berlin im Tagesspiegel sowie die Nachricht vom Tod eines Arztes in England im Guardian. Wir müssen als Gesellschaft endlich eine echte, sprich strukturelle und finanzielle Wertschätzung für Care-Worker*innen auf die Beine stellen.

Wer/was hat mich heute erfreut?

Lego feestyle mit Sohn. Spaziergang mal wieder zu dritt.

corona diary #8

Weiter bestes Frühlingswetter. Es fördert die gute Laune. Ich habe meine Jonglier-Utensilien aus dem Keller geholt und konnte im Garten ein wenig üben. Manches bekomme ich tatsächlich noch hin.

Beim täglichen Spaziergang mit Sohn auf dem Fahrrad wurden wir von einer RTL Journalistin angesprochen, ob wir nicht ein Handy-Video aus der Quarantäne schicken wollen. Sie hätten da eine Familientherapeutin in der Sendung. Ich war glücklich, sagen zu können, dass wir bisher ganz gut klar kommen und eine solche Beratung nicht brauchen.

was/wer hat mich heute erfreut?

Ich habe heute eine Rohfassung von einem Kapitel für unser Buch zu partizipativer internationaler Jugendarbeit an eine Kollegin zum Kommentieren weitergegeben.

corona diary #7

Es ist weiterhin frühlingshaft. Jetzt habe ich auch die ersten Zoom-Erfahrungen. Es ist spannend zu sehen, wie die Krise die Digitalisierung vorantreibt. Eines der Treffen heute, hat viele Reisen erspart, die wir eventuell sonst für einen Präsenz-Workshop unternommen hätten. Insofern ein sehr positiver Nebeneffekt sowohl für das Klima als auch für die Reisebudget.

Wer/Was hat mich heute gefreut?

Alle Coaches aus dem wir weit weg Projekt per Video-Schalte zu sehen.

corona diary #6

Sonne und Wind, wieder Nachtfrost. Die Blumen blühen im Garten. Die Bäume schlagen aus.

Eine Formulierung von Olaf Scholz aus der heutigen, vermutlich historischen Bundestagsdebatte, klang in meinen Ohren nach: „Niemand soll sich Sorgen um seinen Lebensunterhalt machen“

Ich denke, dieser Satz war beruhigend gemeint. Aber dennoch klingt er wie Hohn. Denn natürlich sorgen sich viele Menschen, Selbstständige wie Angestellte, um ihren zukünftigen Lebensunterhalt. Vor allem auch die vielen Selbständigen in der Bildungs- und Kulturarbeit haben große Ungewissheit was wird. Wenn der Shut-Down noch lange aufrechterhalten wird, wird dieser Rettungsschirm nicht durchgezogen werden können. Zumal die absehbare Rezension sicherlich sich auch zuerst in diesem Bereich niederschlagen wird. Insofern machen wir uns klar Sorgen um unsere Zukunft. Das beschlossene Rettungspaket lindert diese etwas, so das Geld denn auch bei den Solo-Selbständigen Kolleg*innen ankommt. Gerade in Branchen, die viel von öffentlichem Geld leben, geht jetzt natürlich die Sorge um, dass das Geld für die Jugendbildung in Zukunft noch schwieriger aufzubringen sein wird.

Was/Wer hat mich heute erfreut?

Ich habe meine Jongliersachen ausgepackt. Es geht noch :-).

corona diary #5

Die Sonne scheint, aber es hatte Nachtfrost. Ich erinnere mich kaum an Frost in diesem Winter. Die Blühten halten hoffentlich durch. Nicht nur damit ich weiter Motive aus dem Garten für die Beitragsbilder habe.

Wir müssen auch in normalen Zeiten unseren Tag selbst strukturieren, weil wir beide in Feldern unterwegs sind, in denen eigenverantwortlich gearbeitet wird, obwohl wir angestellt sind. Über diese Anstellungsverhältnisse sind wir in der gegenwärtigen Situation sehr glücklich. Denn mit den Kolleg*innen, Freunden und Bekannten, die überwiegend selbständig arbeiten oder Unternehmer*innen sind, möchte ich momentan wirklich nicht tauschen. Ich musste mit meinem Team bereits in den letzten Monaten vor Corona einen Schrumpfungsprozess durchmachen, weil Förderprogramme, die unsere Arbeit finanzierten, umstrukturiert wurden. Es war schmerzhaft. Allerdings habe ich dadurch im Moment das Gefühl, jetzt eine Pause in einem Tal zum Sammeln von Kräften für den nächsten Aufstieg zu haben.

Aber die Tagesstruktur ist wichtig. Erst forderte sie meine Partnerin deutlich ein. Ich sehe aber auch für mich, dass ich trotz formal Urlaub, diese Struktur auch brauche, um die verschiedenen Unsicherheiten auszuhalten. In unserer Kleinfamilie kümmert sich einer um unser Kind und der/die andere darf arbeiten bzw. etwas für sich machen. Manchmal muss noch der Video-Babysitter ran, wenn sich, wie heute Video-Meetings überschneiden. Nach dem Abendessen machen wir noch etwas zu dritt. Es funktioniert bisher ganz ok. Aber es fühlt sich dennoch immer nach eher zu wenig Arbeitszeit an. Gestern habe ich auch mit Kolleginnen gesprochen. Gerade für Menschen mit Kindern ist es eher weniger Zeit als mehr, die wir von Corona geschenkt bekommen. Sicherlich ist es mehr Zeit mit unseren Kindern. Das ist auch schön und man kann plötzlich viele Dinge zu Hause zusammen machen, für die sonst die Ruhe fehlt.

Wie sehr von den Entscheider*innen die Kleinfamilie als Hort der Sicherheit und Geborgenheit angenommen wird, halte ich nicht für zeitgemäß. Es gibt gerade auch in der Generation 50+ so viele Menschen, die alleine wohnen, aber ihr Leben mit einem engen Freundeskreis teilen. Sicherlich können sich diese auch telefonisch sprechen. Aber gerade direkte face to face Begegnungen machen einen Unterschied. Meinen Nachbarn sehe ich sonst, fast täglich am späten Nachmittag mit ein zwei Freunden im Garten sitzen. Sie leben nicht in der gleichen Wohnung, aber irgendwie gehören sie doch zum Inventar. Dass sie sich jetzt nicht sehen dürfen, ist sicherlich für alle drei sehr hart.

Und was ist mit den Menschen die Distanzbeziehungen führen, weil sie an zwei verschiedenen Orten arbeiten und auch weiter arbeiten müssen, weil sie nicht ins Home-Office können? Auch für sie sind meist Freundeskreise vor Ort besonders wichtig. Der Verzicht, den alle diese Gruppen in der Gegenwärtigen Situation leisten ist enorm. Außerdem bekommen alle die nicht in der „Norm-Familie“ leben, in der Gegenwärtigen Situation vorgeführt, dass der Staat nicht an sie denkt, obwohl sie doch diejenigen sind, die jetzt ohnehin schon mehr auf sich selbst gestellt sind. Auch vor diesem Hintergrund sollte diese Kontaktsperre nicht zu lange aufrechterhalten werden. Denn die soziale Verhältnismäßigkeit wird umso fragwürdiger je länger der Shut-Down dauert.

Wer/Was hat mich heute erfreut?

Eine Mail von Kolleg*innen aus Berlin mit einer spannenden Projektidee. Ein Gespräch mit einer Leipziger Kollegin. Mein erstes Zoom Webinar.

corona diary #4

Die Sonne hält die Laune hoch. Die quasi Ausgangssperre verunsichert. Mit Kolleginnen arbeite ich an einem Fachbuch für partizipative internationale Jugendarbeit. Heute hatten wir ein zweites online Arbeitstreffen. whereby hat dafür gut funktioniert. Anna und Elsa II mit meinem Sohn geschaut. Wie toll wäre es, hier hätte jemand magische Kräfte und könnte die Corona einfach gefrieren lassen.

Was/wer hat mich heute erfreut?

Das online Redaktionstreffen mit den Kolleginnen hat Freude gemacht.

P.S. Heute nur ein kurzer Text. Ich muss noch mal an das Buch.

corona diary #3

Ein sonniger Tag. Die Japanische Kirsche im Garten blüht wunderschön. Ein Thema, das heute in mehreren Telefonaten generationenübergreifend immer wieder aufkam, ist die Frage nach dem Umgang mit dem Tod. Für wie selbstverständlich sehen wir Tod als einen Teil des Lebens? Welche Lebenserwartung können wir erwarten? Und was bedeutet es für Mediziner*innen zumindest situativ über Leben und Tod entscheiden zu können bzw. zu müssen. Diese Fragen beschäftigen mich sehr. Denn für mich ist klar, dass es nicht die Entscheidung der individuellen Arzt*innen sein kann, denn diese würden massiv emotional überlastet. Es ist unsere Gesellschaft die gemeinsam Antworten finden muss, wie wir mit Alter, Tod und sterben sowie Trauer umgehen wollen.

Wenn wir uns über diese Fragen verständigt haben, dann können wir auch Ärzt*innen Entscheidungsleitlinien an die Hand geben, die zumindest einen Teil der Schwere der Entscheidung abnehmen.

Ich denke, eine Situation in der massenhaft Menschen in Krankenhäusern sterben, muss in jedem Fall vermieden werden, denn dann wäre kein würdevolles Sterben möglich. Dies aber belastet Angehörige ebenso wie die Mitarbeitenden in den Kliniken enorm. Insfoern sind die massiven Einschränkungen des Alltags für einen überschaubaren Zeitraum, sicherlich sinnvoll, um Wege für die Zeit nach dem Shut-Down zu finden.

Aber dieser Shut-Down wird nicht lange aufrechterhalten werden können. Denn sonst steigt die Suizidrate oder die Rate häuslicher Gewalt sicherlich bald viel stärker, als die der Corona-Infizierten. Von den ökonomischen Folgen ganz zu schweigen. Zudem zementiert der Shut-down die Ungleichheit in der Gesellschaft gerade bei jungen Menschen. Bildungserfolg ist momentan noch viel stärker vom Elternhaus und dessen Ausstattung mit Humankapital, Büchern, technischen Geräten und Internet abhängig.

Wir müssen uns für die Zeit nach dem Shut-Down vorbereiten. Dazu gehört auch, eine Diskussion über Lebenserwartung und würdevolles Abschiednehmen und sterben zu führen. Denn ich denke und die verschiedenen Menschen über 70 Jahre, mit denen ich in den vergangenen Tagen sprach, bestätigen es: Es ist wichtiger würdevoll und relativ schmerzfrei zu sterben, als ein wenig länger zu leben. Gerade wenn man schon auf ein erfülltes Leben zurück blickt. Es mag ein Ausschnitt aus einer kleinen Blase sein, aber ohne es Belegen zu können, erinnere ich mich an eine Statistik, in der eine sehr hohe Zahl der Befragten, Angst hatte, alleine sterben zu müssen.

Deshalb meine ich, dass wir eine Diskussion darüber brauchen, wie Menschen mit geringen Überlebenschancen zu Hause Abschied nehmen und sterben können und zugleich eine Ausbreitung des Virus verhindert werden kann. Denn wenn ich die Virologen richtig verstanden habe, dann werden wir das Virus so schnell nicht wieder los. Und die Entwicklung von Impfstoffen innerhalb von 12 Monaten scheint mir bisher auch fast nie geschafft worden zu sein.

Meine Tagebuch-Zeit ist um. Es war nur ein rantasten an dieses Thema, das ich in den kommenden Wochen noch weiterverfolgen möchte.

Wer/was hat mich heute erfreut?

Die Freude meines Sohns über den Corona-Kalender. Wir haben den Adventskalender bestückt. Es gibt jetzt jeden morgen ein paar Lego-Steine.

Und das neue Lieblingsbuch ist überigens: Antje Herdens: Wir Buddenbergs – Der Schatz, der mit der Post kam. erschienen 2018 bei Fischer KJB.